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Weltbürger

Als Sprössling einer preußisch-hugenottischen Familie wächst Humboldt zweisprachig auf, zeit seines Lebens bewegt er sich zwischen mehreren Ländern, Kulturen und Sprachen. Seine Schriften und Korrespondenzen verfasst er auf Deutsch, Französisch, Latein, Spanisch und Englisch.

Auf seinen Forschungsreisen pflegt Humboldt den Kontakt zu US-amerikanischen Präsidenten, neu-spanischen Vizekönigen und lateinamerikanischen Revolutionären, diniert beim russischen Kaiser und trifft auf polnische Dissidenten, lebt bei kubanischen Zuckerbaronen und reist mit indigenen Sherpas. Sein kulturhistorisches Interesse gilt den antiken Monumenten Asiens genauso wie jenen aus Europa und Amerika.

Humboldt ist Europäer im Sinne einer aufgeklärten Gelehrtenrepublik und Weltbürger in Kant’scher Absicht, zugleich preußischer Kammerherr und Pariser Akademiemitglied, politischer Berater und unabhängiger Dokumentarist der Macht. Das Kolonialsystem, die Sklaverei und die Frage der Unabhängigkeit der hispanoamerikanischen Kolonien beschäftigen sein Denken und publizistisches Handeln für Jahrzehnte. Ihren deutlichsten Ausdruck finden sie in seinen Studien zu Neu-Spanien/Mexiko (1811) und Kuba (1826).

Detroit Publishing Company. Humboldt Statue, West Park, Pittsburgh, Pennsylvania [Between 1900 and 1920] [Photograph]. Quelle: Library of Congress, https://www.loc.gov/item/2016795979/. (Public Domain)

Berliner

Humboldts Verhältnis zu Berlin ist widersprüchlich. Erst als fast 60-Jähriger lässt er sich 1827 dauerhaft in seiner Geburtsstadt nieder – über zwei Jahrzehnte nach der großen amerikanischen Reise und nach langen Jahren des Forschens und Schreibens in der Kunst- und Wissenschaftsmetropole Paris.

Berlin und die Berliner sind oft Zielscheibe seines feinen Spotts. Zugleich hilft Humboldt als weltberühmter Gelehrter, Wissenschaftsorganisator und Kammerherr des Königs, die preußische Residenz zu einem europäischen Zentrum der Gelehrsamkeit zu entwickeln. Empfindet Humboldt Berlin zunächst als „moralische Sandwüste, geziert durch Akaziensträucher und blühende Kartoffelfelder“, so erinnert der Ehrenbürger der Stadt gegen Ende seines Lebens durchaus im Rückblick auf eigene Verdienste an „die heiligen Pflichten und zarten Bande des Bürgerlebens.“

Humboldt wohnt in Berlin stets zur Miete: zunächst 1827–1841 Hinter dem neuen Packhofe 4 (auf der heutigen Museumsinsel), darauf für einige Monate in der Werderschen Rosen-Straße Nr. 3 (an der Friedrichwerderschen Kirche) und schließlich von 1842 bis zu seinem Tode in der Oranienburger Straße 67. Keines der Berliner Wohnhäuser Humboldts ist erhalten.

Gedenktafel für Alexander von Humboldt im Innenhof seines letzten Wohnhauses in Berlin, Oranienburger Str. 67. Foto: Ingo Schwarz, BBAW [CC BY-SA 3.0  (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)].

Förderer

Bereits während seiner Pariser Jahre (1807–1827) setzt sich Alexander von Humboldt für junge Künstler, Gelehrte und Forschungsreisende in Preußen und Frankreich ein. Seine überaus erfolgreichen Kosmos-Vorlesungen an der Berliner Universität und in der Singakademie (1827/1828) schärfen das öffentliche Bewusstsein für die Naturwissenschaften. Durch Gutachten und Empfehlungen an das preußische Kultusministerium nimmt Humboldt unmittelbar Einfluss auf die Universitäts- und Berufungspolitik sowie den Ausbau der wissenschaftlichen Sammlungen des Staates. Als Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und der Pariser Académie des Sciences fördert er den transnationalen wissenschaftlichen Austausch.

Spuren dieses vielseitigen Engagements führen bis in unsere Gegenwart: So wird Humboldt erster Kanzler des 1842 gegründeten und noch heute bestehenden Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. 1860 gründen Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften im Gedenken an den ein Jahr zuvor verstorbenen Förderer zahlreicher Forschungsreisender die „Humboldt-Stiftung für Naturforschung und Reisen“, aus der die heutige Alexander von Humboldt-Stiftung hervorgeht.

Der Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Quelle: Robert Prummel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:De_Orde_Pour_le_M%C3%A9rite_in_de_Vredesklasse_Pruisen_1842_tot_heden.png.

Autor

Im Laufe seines fast 90-jährigen Lebens publiziert Humboldt eine thematisch, inhaltlich und dem Umfang nach beachtliche Anzahl gedruckter Texte. Zu etwa 50 Bänden monographischer Veröffentlichungen treten mit den unselbstständigen Schriften mehr als 800 Aufsätze, Artikel und Essays. Hinzu kommen zahlreiche akademische Vorträge sowie die öffentlich und kostenfrei zugänglichen ‚Kosmosvorlesungen‘ in Berlin. Humboldt spricht als äußerst produktiver und kreativer Autor zugleich das wissenschaftlich wie auch allgemein interessierte Publikum an – und das nicht nur auf Deutsch: der Weltbürger denkt, kommuniziert und schreibt mehrsprachig.

Diese enorme Vielseitigkeit schöpft er aus einer umfangreichen Materialbasis, die sich in Humboldts wissenschaftlichem Nachlass erhalten hat. Dazu gehören auch die Reisetagebücher seiner großen amerikanischen, russisch-sibirischen und weiterer Forschungsreisen. Eng verbunden mit dem weitgespannten Netzwerk seiner Korrespondenz, den Informationen aus tausenden Briefen und Schriften Dritter, erschafft Humboldt auf dieser Grundlage sein bis heute faszinierendes Lebenswerk.

Farblithographie [Detail] nach einem Aquarell von Eduard Hildebrandt: Alexander von Humboldt in seinem Arbeitszimmer. Quelle: Deutsches Museum/DigiPortA, ID: 218364245, http://www.digiporta.net/index.php?id=218364245. [Bildunterschrift von H.s Hand:] Ein treues Bild meines Arbeits[-]Zimmers, als ich den zweiten Theil des Kosmos schrieb. AlHumboldt

Forscher

1796 formuliert der 27-jährige Alexander von Humboldt das wissenschaftliche Programm, dem er ein ganzes Forscherleben lang folgen wird: Die von ihm als „physique du monde“ bezeichnete Wissenschaft versteht die Natur als Einheit aller Erscheinungen, Stoffe und Lebewesen. Durch empirische geophysikalische und lebenswissenschaftliche Forschungen will er einem dynamischen Gleichgewicht der Naturkräfte auf die Spur kommen.

Die Idee der inneren Verbundenheit von Natur und Kultur bildet den Leitgedanken seiner Arbeiten über die Wirtschaft der spanischen Vizekönigreiche in Amerika und die Untersuchungen zur europäischen Entdeckungsgeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts. Noch in seinem Alterswerk Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (1845–1862) interpretiert er die Menschheitsgeschichte als „Geschichte der Erkenntniß des Weltganzen“.

Höhenprofil Nordamerikas und pflanzengeographische Notizen (um 1825). Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 6, Nr. 50: Matériaux pour la nouv. edit. de la „Géographie des plantes“, Bl. 19r,  http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00019EFB00000045.

Reisender

Humboldts Selbstverständnis als Forscher ist untrennbar mit seinen Reisen verbunden. In einer autobiographischen Skizze von 1806 bekennt er:

„Voller Unruhe und Erregung freue ich mich nie über das Erreichte, und ich bin nur glücklich, wenn ich etwas Neues unternehme, und zwar drei Sachen mit einem Mal.“

Es ist diese „Gemütsverfassung moralischer Unruhe, Folge eines Nomadenlebens“, die Humboldt zeit seines Lebens antreibt: Seine Forschungsreisen dienen der Erkenntnis vom Zusammenwirken der natürlichen Kräfte. Dafür muss er die Kontinente bereisen, Gebirgs- und Gesteinsprofile zeichnen, Daten erheben, Pflanzen sammeln, die Welt im Vergleich verstehen.

Erste Reisen in Europa haben vorbereitenden Charakter: Humboldt erprobt Instrumente, Messmethoden und Schreibverfahren und übt sich im Bergsteigen. Auf den Flussfahrten, Steppenwanderungen und Vulkanbesteigungen, der Reise durch die amerikanischen Tropen (1799–1804) findet Humboldt zu sich und seinem Lebensprojekt. Die Welt als Ganzes kommt in den Blick. 1829 gelingt eine zweite große Forschungsreise, dieses Mal durch Russland und Sibirien, bis an die chinesische Grenze.

Vergrößerte Aufnahme, Detail, aus: Humboldt, Alexander von ([1797, 1799–1800]): [Tagebücher der Amerikanischen Reise] V. Reise von Cumana nach der Havana (Altes vor der Reise Dresden, Wien, Salzburg). Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nachl. Alexander von Humboldt (Tagebücher) V, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527800000001. (Foto und Bildbearbeitung: Tobias Kraft, BBAW)

 

Mensch

Alexander von Humboldts Leben (1769–1859) ist geprägt von rastloser Bewegung und lebenslanger Produktivität. Kindheit und Jugend verbringt er mit seinem Bruder Wilhelm auf Schloss Tegel bei Berlin, unter der Obhut der besten Hauslehrer Preußens. In Frankfurt/Oder, Hamburg, Göttingen und Freiberg studiert er u. a. Pflanzenkunde, Kameralistik, Altertumswissenschaft, Geographie und Bergbaukunde. Es folgt eine Blitzkarriere als preußischer Bergbeamter.

Das Erbe seiner Mutter Elisabeth macht Humboldt finanziell unabhängig: 1799 verlässt er Europa zu einer Forschungsreise in die amerikanischen Tropen. 1804 kehrt er zurück und setzt sich in Paris an die Ausarbeitung des Opus Americanum: Reise und Werk machen Humboldt weltberühmt. Von Berlin aus beginnt 1829 die zweite große Reise: 18.000 km durch das Russische Reich, bis an die chinesische Grenze. Im Vergleich zwischen Asien und Amerika vollendet sich Humboldts Wissenschaftsmodell. Es folgt das Projekt einer physischen Weltbeschreibung: Der Kosmos sein erfolgreichstes Werk. Über seiner Fertigstellung stirbt Humboldt 1859 in Berlin als vielleicht bekanntester Wissenschaftler seiner Zeit.

Frédéric d’Houdetot, „B[ar]on de Humboldt 1807“, 1807, Bleistift auf Papier, laviert, 8 x 10,5 cm, Paris, Bibliothèque du Conseil d’Etat, Album Houdetot, n°116. DOI: http://dx.doi.org/10.18443/225, http://www.hin-online.de/index.php/hin/article/viewFile/225/414/91 (via https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alexander_von_humboldt_1807_225-91-1-PB.jpeg)